Schulgeschichte der Henriette-Goldschmidt-Schule

Schulgebäude vor dem Umbau 1913/14Das Berufliche Schulzentrum Henriette-Goldschmidt-Schule der Stadt Leipzig wurde 1911 von Henriette Goldschmidt am heutigen Standort als erste Hochschule für Frauen in Deutschland gegründet. Damit gab diese Bildungsstätte auch Frauen und Mädchen die Möglichkeit, eine wissenschaftlich fundierte Bildung zu erwerben, was zur damaligen Zeit alles andere als selbstverständlich war. Die Verbindung von Erziehungswissenschaft und Frauen-bildung, basierend auf Schillers Menschheitsideal und Fröbels Erziehungskonzeption, brachte Frau Goldschmidt als engagierte Leipziger Bürgerin hohe Achtung und Wertschätzung ein.

Realisierbar wurde ihr außerordentliches Engagement durch die großzügige Förderung Leipziger Bürger. Herauszustellen ist dabei vor allem Geheimrat Dr. Henri Hinrichsen (1868 – 1942), zur damaligen Zeit Inhaber der weltbekannten Edition Peters Leipzig. Durch seine finanzielle Unterstützung und seinen Einsatz in den Gremien der Stadt wurde die Gründung der Schule überhaupt erst möglich.

1921 wurde durch den Nachfolger Henriette Goldschmidts, Herrn Dr. Prüfer, die Palette der Ausbildungen sozialer und sozialpflegerischer Berufe erweitert, welche fortan sowohl Mädchen als auch Jungen zugänglich waren.

Schulsiegel

Ab 1933 wurde die Schule zur Formung willenloser, bedingungslos gehorchender Menschen durch die nationalsozialistischen Machthaber missbraucht. Herrn Henri Hinrichsen verbot man auf Grund seiner jüdischen Vorfahren das Betreten der Schule. 1942 wurde er im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau ermordet.

Im rechten Teil des Schulgebäudes befand sich das Kindergärtnerinnenseminar mit angegliedertem KindergartenNach 1945 erhielt die ehemalige Königstraße und auch die Schule den Namen Henriette Goldschmidts. Die nach dem 2. Weltkrieg von vielen Menschen erhoffte Demokratisierung des Schulwesens trat leider nicht ein. Bereits Mitte der fünfziger Jahre wurde die Ausbildung ideologisiert und missliebige Lehrerinnen und Lehrer sogar entlassen. Das Ausbildungs-spektrum wurde nach und nach auf die Ausbildung von Kindergärtnerinnen reduziert. Die „Erziehung zum sozialistischen Bewusstsein und zur gesellschaftlichen Aktivität“ stand im Mittelpunkt. Dazu gehörte die ideologische Ausrichtung aller Fächer. Das obligatorische Parteilehrjahr diente der Disziplinierung der Lehrkräfte bzw. der Lernenden. Die FDJ-Mitgliedschaft wurde von einer zukünftigen Kindergärtnerin erwartet, Pluralismus der Anschauungen nicht geduldet.
Das nicht widerspruchsfreie Bild wäre unvollständig, wenn nicht festgehalten würde:  Im Vergleich der pädagogischen Fachschulen der DDR bestimmte die Leipziger Ausbildungsstätte maßgeblich das Niveau mit. Tüchtige Kindergärtnerinnen wurden ausgebildet, die nicht nur die Bedeutung vorschulischer Bildung kannten, sondern auch in der Lage waren, die kindliche Persönlichkeit sprachlich, mathematisch, künstlerisch und musikalisch zu fördern. Eine neue Ausbildungskonzeption und ein neues Programm der Bildung und Erziehung in den Kindergärten sollte neueste theoretische Ansätze zur Persönlichkeitsentwicklung des Vorschulkindes realisieren.
In der zweiten Hälfte der 80er Jahre waren Zweifel am einseitig ausgelegten Marxismus-Leninismus nicht mehr zu überhören. Die Gebundenheit an die staatstragende Ideologie wurde für viele immer mehr zum Zwang.
Einzelne Lehrkräfte und zahlreiche Studierende nahmen trotz Verbot an den Montagsdemonstrationen teil. Nun wurde auch die Schule von z.T. heftigen, emotional gefärbten Diskussionen erreicht. Seit 1989 wurden an der Schule neue pädagogische Konzepte diskutiert und erprobt.
Die sich nun entwickelnde, z.T. kontroverse Diskussion um den Fortbestand der Schule in öffentlicher oder freier Trägerschaft dominierte bald die pädagogische Standortbestimmung. Die Entscheidung fiel 1992 mit der Umwandlung der Fachschule für Sozialpädagogik – 1991 aus der Pädagogischen Fachschule für Kindergärtnerinnen entstanden – in ein berufliches Schulzentrum, das Berufliche Schulzentrum 11 Sozialwesen der Stadt Leipzig. Dieser Anspruch, berufliches Schulzentrum zu sein, entsprach der Tradition der Schule, mehrere Schularten unter einem Dach zu vereinigen. So wurde im selben Jahr die Fachoberschule Sozialwesen eingerichtet, die zuerst in der einjährigen, ab 1994 auch in der zweijährigen Ausbildungsform betrieben wurde. Die dramatisch sinkenden Bewerberzahlen für die Erzieherausbildung – im Gefolge des „Wende-Baby-Knicks“ – hatte schon länger die Notwendigkeit der Einrichtung neuer Ausbildungsrichtungen verdeutlicht: Ab 1994 wurde mit der Ausbildung von Heilpädagoginnen und Fachkräften für Soziale Arbeit begonnen. Die Fachrichtung „Staatlich anerkannte Fachkraft für Soziale Arbeit“ war dabei nicht nur neu für die Henriette-Goldschmidt-Schule Leipzig, sondern darüber hinaus für den Freistaat Sachsen und die Bundesrepublik Deutschland. Erstmals war es möglich, ohne Fachhochschul- bzw. Hochschulreife einen Berufabschluss im Bereich der Sozialarbeit zu erhalten. Leider hat das Sächsische Staatsministerium für Kultus beschlossen, in diesen nur in den fünf neuen Ländern eingerichteten Bildungsgang 2002 die letzen Schüler aufzunehmen, obwohl die Nachfrage in fast jedem Schuljahr so groß war, dass nicht alle Bewerber einen Ausbildungsplatz erhalten konnten.

Hofseite (An der Verfassungslinde) des SchulhausesSeit 1996 bietet die Henriette-Goldschmidt-Schule Leipzig in unterschiedlichen Berufsfeldern das Berufsvorbereitungsjahr an. Die 1997 eingerichtete vollzeitschulische Ausbildung an der Berufsfachschule für Kosmetik wurde ab 2003 durch die Einrichtung einer Landesfachklasse Kosmetik, also durch die duale Ausbildung an der Berufsschule und im Ausbildungsbetrieb abgelöst. Die modernen Fachpraxisräume werden nicht nur dafür genutzt, sondern seit 1997 ebenfalls durch das Berufsgrundbildungsjahr Körperpflege und seit 2002 auch für die Ausbildung an der Berufsfachschule für Podologen. Auch diese Bildungsgänge reihen sich ein in den Gründungsgedanken der Schule, Frauen und Mädchen berufliche Ausbildung zu ermöglichen.

Der Wahlspruch des BSZ Henriette-Goldschmidt-Schule Leipzig lautet sowohl in der Bewahrung des Erbes der Schule, als auch bei der Einrichtung beruflicher Bildungsgänge und bei der Gestaltung des Unterrichts:

„Tradition ist Weitergabe des Feuers, nicht Anbetung der Asche.“ (Gustav Mahler)


20. August 2006 | Administrator 


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